26.01.2017

Trio hair company

Flüchtlinge integrieren

Frank Freyer, Geschäftsführer bei der Trio hair & company, hat es gewagt und fünf Flüchtlinge eingestellt. Er sprach darüber auch mit Sabine Meyer von der HWK Hannover.

Sabine Meyer von der Handwerkskammer Hannover

In unserer Februar-Ausgabe berichten wir ausführlich über die Erfahrungen, die Frank Freyer mit den Flüchtlingen gemacht hat, und zwei der fünf Azubis, die Trio hair eingestellt hat, schildern die Thematik aus ihrer Sicht.

Frank Freyer: "Darüber hinaus haben wir mit Sabine Meyer von der Handwerkskammer Hannover gesprochen, die für die Eingliederungstests der Flüchtlinge zuständig ist. Sie nennt sie inzwischen Castings, weil sie sich um die drei Hauptsäulen Sprache, logisches Denkvermögen und mathematisches Wissen drehen. Frau Meyer empfängt täglich mehrere Flüchtlinge und prüft anhand dieser Kriterien, ob ein Flüchtling bereit ist, in die Arbeitswelt oder eine Ausbildung zu starten.
Was das für ein umfassender Job ist und in wieweit die HWK Ausbildungsbetriebe unterstützen kann, erfahren wir in einem kurzen Gespräch:

 

Trio: Frau Meyer, wie darf man sich die so genannten Castings vorstellen? Was erleben Sie in Ihrem beruflichen Alltag und wo unterstützt die HWK die Handwerksbetriebe?

Sabine Meyer: Zu allererst sind wir beratend tätig. Wir schauen uns in den Castings die Bewerber an und können sie nach einer Prüfung in Sprache, mathematischem Wissen und logischem Wissen etwas einstufen. Nach Papieren gehen wir dabei nicht, eine Vergleichbarkeit ist nur selten gegeben.  Papiere liegen den Flüchtlingen meist auch nicht vor; aus unterschiedlichen Gründen. Wir helfen ihnen, Fragebögen auszufüllen oder Portraits zu machen. Und wir versuchen, die Basisinformationen zu vermitteln, dazu gehören Informationen über Arbeitsschutz, Arbeitssicherheit und berufsbezogener Sprachunterricht in 5- 6 Einheiten, das entspricht einem vollen Unterrichtstag.


Trio: Sprache ist ein großes Problem, vielleicht das größte, das haben wir bei Trio auch feststellen können. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

S. Meyer: Zahlreiche Handwerksbetriebe vergeben zu früh einen Ausbildungsvertrag. Wir versuchen stets, zu bewirken, dass die Flüchtlinge erst einmal substanziell die deutsche Sprache  erlernen, bevor sie eine Ausbildung  beginnen. Die Folgen sind sonst fortwährende Kommunikations- oder Lernschwierigkeiten: in der Berufsschule, vor dem Kunden, ebenso in der Kommunikation mit den  Kollegen. Eine Einstufung von mindestens B1 ist unser Kriterium, um Geflüchtete in die Ausbildung zu empfehlen. In anspruchsvollen Ausbildungsberufen ist sogar Sprachstufe B2 Voraussetzung. Etliche Betriebe stellen jedoch bereits mit A2 ein; viel zu früh. Es bringt dem Flüchtling nichts und nährt maximale Frustration nach allen Seiten. Am Ende sind alle nicht gut aufeinander zu sprechen.


Trio: Was kann man sich unter B1 vorstellen?

S. Meyer: B1 ist erreichbar mit ca. 1.300 Unterrichtseinheiten Deutsch. Das ist in Dauer gerechnet um die 1, 5 Jahre, die man braucht - Vollzeitunterricht. Um ggf.  B2 zu erreichen, benötigt es nochmals weitere 1-2 Jahre in Vollzeitunterricht. Für Menschen, die hier keine Sprachförderung erhalten, gehen einige Jahre ins Land bis dieser Sprachstand eigenständig erreicht werden kann. Viele erreichen ihn niemals.


Trio: Unsere beiden Auszubildenden Delil und Salar haben große Probleme in der Berufsschule, weil sie viele der Blätter und Unterlagen nicht verstehen. Könnte man das sprachlich nicht vereinfachen?

S. Meyer:
Ganz klar nein. Ich habe täglich mit Flüchtlingen aus den unterschiedlichsten Ländern zu tun. Wenn man sich überlegt, dass wir die Unterrichtsmaterialien in all diese Sprachen übersetzen, bedingt dies hohe Kosten sowie einen enormen Zeitaufwand. Überdies würde es kaum die Bereitschaft fördern, die deutsche Sprache baldigst zu erlernen - auch wenn sie anfangs manchmal eine halbe Woche für ein Arbeitsblatt brauchen, für das ein Mensch ohne Sprachbarriere vielleicht nur fünfzehn Minuten braucht. Letztlich geht es hier um die Schaffung von Kommunikationsfähigkeit in allen Lebensbereichen. Übersetzte Lernmittel helfen hier nur sehr bedingt. Was allerdings im Kommen ist, sind Texte aus allen erdenklichen Kulissen, die vielerorts in sog. ’leichte Sprache’ übertragen werden. Eine Entwicklung, die allen Bürgern im Land geschuldet ist und nicht nur für Geflüchtete den Alltag erleichtert.


Trio:
Welche Unterstützung bekommen Flüchtlinge seitens des Staats zur Förderung ihrer Ausbildung?

S. Meyer: Das kommt ganz darauf an, ob sie schon anerkannt sind oder nicht. Neu zugewanderte Flüchtlinge erhalten anfangs einen Mindestbetrag nach dem Asylbewerber Leistungsgesetz über das Sozialamt. Sind sie anerkannt, beziehen sie Unterstützung über das Jobcenter.
Schutzsuchende aus Syrien sind dabei auf der Überholspur unterwegs und werden relativ schnell anerkannt. Das bedeutet: Anspruch auf Förderung. Hier stehen in den größeren Kommunen Maßnahmen und Deutschkurse zur Verfügung. In der Fläche Niedersachsens sind diese Förderinstrumente nicht so opulent gesät. Bis Sprachförderung gelingt, kann es manchmal lange dauern. Menschen aus dem Sudan, Afghanistan und Somalia werden aufwendiger geprüft und genießen keine Priorität. Der Westbalkan, ebenso wie die Maghreb-Staaten Marokko, Tunesien, Algerien, werden in der Regel zügig abgelehnt und erhalten eine Duldung in enger Befristung.
Ein weiteres Problem ist, dass vorrangig alleinstehende junge Menschen sich für eine Ausbildung interessieren. Familienväter mit Mitte dreißig haben trotz Interesse am Handwerk kaum Möglichkeiten. Mit einer Familie ist es fast unmöglich, den Lebensunterhalt in der Ausbildung zu erwirtschaften, wenn man nur  Bundesausbildungsbeihilfe (BAB)  bezieht. Andere Unterstützung ist oft schwierig, sobald man mit der Ausbildung beginnt. Ferner haben einige Flüchtlinge aufgrund ihres Aufenthaltsstatus zunächst keinen Anspruch auf BAB, oder erst nach 18 Monaten.


Trio: Gibt es eine Förderung für die Handwerksbetriebe, die Flüchtlinge aufnehmen und sich um sie kümmern?

S. Meyer:  Beratungstechnisch steht die Handwerkskammer jederzeit den Betrieben zur Verfügung. Rein finanzielle Förderung für Betriebe gibt es m. E. im Moment leider nicht. Der Bund hat eine Reihe neuer Programme mit dem Zentralverband des Deutschen Handwerks und der Bundesagentur für Arbeit aufgelegt.  Da ist viel Dynamik drin. Aber finanzielle Förderungen für die Betriebe, wie in der Vergangenheit, wurden schon vor einiger Zeit eingestampft.
Der Arbeitgeber kann einen Antrag nach SGB III bei der Bundesagentur für Arbeit stellen, wenn er eine schwer integrierbare Person ausbildet. Darunter fallen jedoch  Menschen mit Hemmnissen und Einschränkungen im körperlichen, kognitiven oder Abhängigkeitsbereich, selten Flüchtlinge. Im Gegenteil, die Erfahrung, die wir gemacht haben und immer wieder machen, ist, dass die Flüchtlinge über besondere soziale Fähigkeiten verfügen und sich sehr engagiert zeigen. Sie würden vermutlich nicht Reißaus nehmen, wenn die Auftragslage brennt und setzen sich erfahrungsgemäß sehr für ihren Betrieb ein.


Trio: Werden denn die Flüchtlinge finanziell unterstützt was die Arbeitsmaterialien etc. betrifft?

S. Meyer: Über Programme wie AZF3 ist uns das möglich. Wir erstatten Fahrtkosten zu Castings oder bei besonderen beruflichen Anlässen. Ferner  können wir auch spezielle Lehrgänge in Vorbereitung zur Gesellenprüfung über Projektmittel fördern. Darüber hinaus stehen wir mit Rat und Tat den Betrieben und den Geflüchteten zur Seite.


Trio:
Ist es nicht auch so, dass das Handwerk die Flüchtlinge braucht?

S. Meyer:
Ja, so ist es, und da müssen wir uns auch gar nichts vormachen. Das Handwerk braucht die Flüchtlinge, sonst nimmt es auf Dauer großen Schaden. Der Fachkräftemangel hat uns wie ein Unwetter ereilt: von weitem schon lange erkennbar, aber dennoch gefühlt in weiter Ferne - und dann schlagartig da.
In Deutschland machen die Kids ihr Abi, danach gehen sie studieren. Am besten in die Industrie oder in den Handel, mit den entsprechenden Gehaltserwartungen. Hier möchte sich jeder individuell entfalten. Das Handwerk haben Berufsstarter als berufliche Perspektive kaum im Fokus. Im Gegensatz zu den Geflüchteten: Für sie steht Handwerk hoch im Kurs. Wenn man sie fragt: “Was ist Dein Traumberuf?“ - dann wird man oft sehr ungläubig angeschaut. Sie kennen das nicht: eine freie Wahl zu haben, nach inneren Motiven zu suchen. In ihren Ländern machen die Kinder oft das, womit die Familie seit Generationen ihr Brot verdient. Für sie ist Deutschland ein anderer Planet. Eine sehr individualistische Gesellschaft. Hier haben alle das Recht, ihre Entwicklung nach inneren Motiven zu gestalten. Ob sie das dann tun, ist eine andere Frage. Wir versuchen, den Schutzsuchenden nahezubringen, dass Handwerk in Deutschland ein äußerst anerkannter und bedeutender Wirtschaftsbereich ist, der enorme Entwicklungsmöglichkeiten bietet; bis hin zum Meister oder in die Selbstständigkeit hinein. Nicht vergleichbar mit dem vielleicht bescheidenen sozialen Status kleiner Handwerker in den Basaren oder an den Straßenrändern der Heimatländer.


Trio:
Was ist Ihr Appell an die Handwerksbetriebe?

S. Meyer: Die Voraussetzungen zur Integration - oder besser noch Inklusion - von Flüchtlingen in Handwerksbetrieben sind großartig. Zahlreiche Handwerksbetriebe sind klein, und das ist hier ein Vorteil. Meist beschäftigen sie zwischen fünf bis sieben Mitarbeiter und können die Auszubildenden auch mit leichten Sprachbarrieren gut aufnehmen und sich um sie kümmern. Ich habe wunderbare, sehr rührende Erfahrungen gemacht, wo Menschen hinreißend aufgenommen wurden und inzwischen zur Familie gehören.
Schwierig ist das meist nicht, wenn man die Geflüchteten erlebt: Sie sind aufgeschlossen, flexibel, gut sozialisiert und prima Teamplayer. Wir müssen allerdings bestimmte Prozesse im Miteinander durchlaufen  -  das kann man nicht beschleunigen, und das kostet etwas Zeit.
Unsere Betriebe brauchen Fachkräfte. Ganz dringend. Die Auftragsbücher sind voll. Wenn alle Seiten mitarbeiten und sich vor allem etwas Zeit geben, dann schaffen wir das (doch)!

 

 

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