18.07.2019

Recruiting von und für Menschen

Friseure müssen umdenken

Viele Friseure klagen darüber, dass es immer schwieriger wird, gute Mitarbeiter zu finden und diese langfristig zu halten. Der 'War of Talents' ist schon lange ausgebrochen.

Stefan Dudas: Keynote-Speaker, Coach und Autor von 'Voll Sinn – Nur was Sinn macht, kann
uns erfüllen'.

Die Standardfrage "Warum sollten wir gerade Sie einstellen?" wird in Bewerbungsgesprächen immer noch gerne gestellt. Immer mehr wird die gleiche Frage inzwischen aber vom Bewerber gestellt: "Warum sollte ich meine wertvolle Lebenszeit gerade in Ihrem Salon verbringen?" Jetzt mal ehrlich: Fällt Ihnen als Inhaber oder Filialleiter eine richtig gute Antwort jenseits der abgedroschenen Floskeln – tolles Team, gute Bezahlung, kostenloser Kaffee – ein? Der Arbeitgebermarkt hat sich schon lange zu einem Bewerbermarkt entwickelt. Und vor allem die junge Generation fragt vermehrt nach dem Sinn der Arbeit und dem Sinn des Unternehmens. Ändern Friseure ihre Denkhaltung nicht, wird die Bewerberin oder der Bewerber dieses 'alte Mindset' bereits beim Betreten des Salons spüren und die eigene Wahl entsprechend treffen.

Was Friseure aus einem Beziehungs-Recruiting lernen können

Wenn ich als Mensch einen anderen Menschen von mir überzeugen möchte (also im Beziehungs-Recruiting), braucht es von meiner Seite Authentizität und Offenheit. Sich auf Augenhöhe zu begegnen, ist hier keine leere Worthülse, sondern Bedingung. Bin ich zu all dem nicht bereit, gibt es maximal einen One-Night-Stand. Auf Friseure übertragen, kosten diese One-Night-Stands immer ziemlich viel Geld. Findet man nach wenigen Wochen oder Monaten gegenseitig heraus, wo man im Bewerbungsgespräch etwas beschönigt oder dass man gar geschummelt hat, hilft es auch nichts, wenn der Kaffee  kostenlos ist...

Nicht alles, was möglich ist, macht auch Sinn!

Effizient muss er sein – der Recruiting-Prozess. Schließlich ist es ein enormer Zeitfresser, wenn man neben dem Tagesgeschäft im Salon auch noch zig Bewerbungen sichten muss. Aber Vorsicht: Es gibt schon heute den Fall, dass Bewerberinnen und Bewerber keinen Termin mehr für ein Bewerbungsgespräch erhalten, sondern nur noch einen Link. Im virtuellen Bewerbungsgespräch werden automatisiert Fragen gestellt und man hat dann ein bis zwei Minuten Zeit zu antworten. Man spricht also zu seinem Computer, der die Aufzeichnung dann im Idealfall auch gleich effizient auswerten kann. Utopie? Schön wäre es! "Der Mitarbeiter ist im Mittelpunkt. Mit ihm möchten wir gemeinsam wachsen und Erfolge erzielen." So oder so ähnlich steht es in tausenden Leitbildern, die inzwischen auch immer mehr hippe Friseure schön gerahmt im Salon hängen haben. Bemerken Sie den Irrsinn? Wir sprechen davon, dass man 'auf Augenhöhe' kommuniziere und Werte wichtig seien. Und auf der anderen Seite lassen wir Big-Data entscheiden, wer als potenzieller Mitarbeiter in Frage kommt.

Ideen jenseits von Prozessen

Groß ist die Ratlosigkeit bei Friseuren, die sich immer öfter fragen, wie man es bei dem Mangel tatsächlich schafft, Mitarbeiter – oder gar Auszubildende – auf 'ihre Seite' zu bringen. Meine Antwort: Nicht mit Goodies! Klar gehören eine faire Bezahlung sowie weitere Annehmlichkeiten heute dazu. Aber dies ist längst nicht mehr der einzige Grund, um in einem Salon zu arbeiten. Als ich einmal einen selbstständigen Friseur nach dem Grund gefragt habe, warum er jeden Tag in den Salon komme, fingen seine Augen an zu leuchten und er schilderte in wenigen Sätzen lustige Geschichten und tolle Stories von begeisterten Kunden. Und genau das ist der Punkt. Man kann das gewünschte und geforderte 'Mitarbeiter auf seine Seite bringen' schlecht in starre Prozesse packen, weil die Lösung so individuell ist wie jeder Friseursalon.

Positionierung aushalten – und sich daran messen lassen

Der Bewerber möchte schnell verstehen können, wie der Salon tickt. Er möchte erkennen, dass hier Menschen waschen, schneiden, föhnen, die ihren Job mögen und die vielleicht sogar einen Sinn darin sehen, genau hier zu arbeiten. Um dies alles einem Bewerber kommunizieren zu können, muss der Salon allerdings erst einmal selbst Antworten auf die Fragen kennen. Ein Friseursalon braucht 'Persönlichkeit'. Er braucht Werte. Er muss einen Standpunkt einnehmen, sich zu wichtigen Themen darstellen und offene Fragen beantworten. Nicht mit möglichst weichgespülten und schwammigen Worten, sondern mit einer klaren, unmissverständlichen Positionierung. Damit wird man greif- und begreifbarer. Wenn die Mission eines Salons für jeden Mitarbeiter erlebbar ist, muss man sich selten über das Thema Motivation den Kopf zerbrechen. Wenn man das alles wirklich ernst meint. Andernfalls wird man heute schnell enttarnt. Das Feedback kann man dann auf Bewertungsportalen wie Kununu.com oder in Social-Media lesen.

Jeder Friseursalon sollte sich heute bewusst machen, dass es nicht nur darum geht, die richtigen Menschen anzuziehen, sondern auch die wichtigen Mitarbeiter halten zu können. Dies bedingt echte, gelebte Wertschätzung, viel ernstgemeinte Kommunikation, Empathie und Energie. Klingt vielleicht langweilig, spielt aber keine Rolle. Denn die Anzeichen, was in Zukunft wichtig ist, sind ziemlich klar: Der Sinn im Tun.

Stefan Dudas, Business-Experte für Sinngebung

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