30.05.2018

ZV

Auf die Rampe, fertig, los!

Der ZV und die Berliner Sozialhelden starten eine Partnerschaft, um mehr Friseursalons für Rollstuhlfahrer zugänglich zu machen.

Eine 'Wheelramp' ermöglicht es Rollstuhlfahrern, Stufen am Eingang zu überwinden. Innungsmitglieder erhalten auf ihre Anschaffung nun 10% Rabatt.
FOTO: Andi Weiland, Sozialhelden e. V.

 

 

Oft kann schon eine mobile Rampe helfen, eine oder wenige Stufen vor dem Eingang zu überbrücken und neue Türen für die Friseurkunden mit Rollstuhl zu öffnen. Im Rahmen der Wheelramp-Aktion erhalten Innungsmitglieder jetzt 10% Rampen-Rabatt auf die 'Wheelramp' für ihren Saloneinangang.

Mit dieser engagierten Initiative unterstützt der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks (ZV) den Verein der Sozialhelden, damit noch mehr Salons für Friseurkunden mit Rollstuhl zugänglich werden. Der ZV findet: Es ist an der Zeit, sich über das Miteinander, gerade in alltäglichen Lebenssituationen, Gedanken zu machen und sich als echter Dienstleister serviceorientiert zu zeigen.

Der in 2004 gegründete Verein 'Sozialhelden e. V.' setzt sich für die Inklusion von Menschen mit Behinderung ein und macht mit kreativen Projekten auf soziale Probleme aufmerksam. Raul Krauthausen, Gründer der Sozialhelden und selber Rollstuhlfahrer, möchte die Menschen für gesellschaftliche Probleme sensibilisieren und zum Umdenken bewegen.

Um Barrierefreiheit zu vereinfachen und mehr Menschen Zugang zu ermöglichen, haben die Sozialhelden das Projekt Wheelramp ins Leben gerufen. Unter www.wheelramp.de werden mobile Rampen zu einem Preis ab 179,- € zum Kauf angeboten. Der Zentralverband setzt sich gezielt für das Thema Barrierefreiheit ein und ermöglicht Innungsmitgliedern jetzt,  die Wheelramp mit dem Vorteilscode 'Innung 2018' zu einem Rabatt von 10% zu erwerben.

Ein rollstuhlgerechter Salon kann heute ein klarer Wettbewerbsvorteil sein. Bedingt durch den demografischen Wandel müssen sich Friseure auf ältere Kunden einstellen. Und nicht nur Kunden mit Rollatoren und Rollstuhlfahrer, auch Familien mit Kinderwagen werden von Stufen vor dem Eingang gebremst. Mit der mobilen Rampe kann kostengünstig eine Brücke zu den Salonkunden geschlagen werden.

ZV-Präsident Harald Esser und Sozialhelden-Gründer Raul Krauthausen haben sich in Berlin zu einem Kennenlernen getroffen. Dabei hat Raul Krauthausen einige Fragen beantwortet.

Was machen die Sozialhelden genau und welche Rolle spielen Sie dort?

Die Sozialhelden sind eine Gruppe von engagierten Leuten, die gerne mit lösungsorientierten Projekten auf soziale Probleme aufmerksam machen wollen. Wir ticken aber mehr wie eine Agentur, als wie ein Verein und sehen die gesamte Gesellschaft als unseren Auftraggeber. Meine Rolle in dem Verein ist, dass ich auf der einen Seite im Vorstand bin und einige Ideen in den Verein gebracht habe, auf der anderen Seite bin ich Teil eines tollen zwölfköpfigen Teams, das die vielen Projekte und meine Ideen professionell umsetzt.

Wie nehmen Sie den Umgang von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft wahr?

Das ist schwer zu verallgemeinern, weil es für mich als eine bekanntere Person mit Behinderung einfacher ist, Vorbehalte abzubauen. Viele Menschen begegnen mir sehr offen, weil sie mich vielleicht schon mal im Fernsehen gesehen oder mein Buch gelesen haben. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen mit Behinderung weiterhin mit einer gewissen Abgrenzung gesehen werden. Man sieht das öfters auch im politischen Diskurs, dass man Barrierefreheit oder Inklusion 'für Menschen mit Behinderung' umsetzen will und nicht davon spricht, dass man Barrierefreheit für alle Menschen plant. Solange wir weiter in 'uns' und die 'anderen' unterscheiden, haben wir aber kein inklusives Miteinander.

ZV-Präsident Harald Esser im Gespräch mit Sozialhelden-Gründer Raul Krauthausen.
FOTO: Jonas Deister, Sozialhelden e. V.

Mit welchen konkreten Herausforderungen haben Sie als Rollstuhlfahrer im Alltag / im Friseursalon zu kämpfen?

Das klassische Problem ist natürlich der Zugang. Viele Friseure sind nur über Stufen oder Treppen zu erreichen und somit für mich unerreichbar. Wenn man dann in einem Salon ist, ist es eigentlich oft ganz einfach, weil ich viele Friseure kennengelernt habe, die sehr unkompliziert mit meiner Behinderung umgehen. Sie raufen sich eher die Haare, wenn sie meine 'Frisur' sehen und fragen, warum ich nicht schon zwei Monate früher gekommen bin. Es gibt kaum Berührungsängste, und man versucht, praktische Lösungen zu finden, wie man beispielsweise meinen Rollstuhl an das Becken zum Haarewaschen ranbekommen kann. Das sind für mich immer sehr erfrischende Begegnungen.

 

Wie wichtig ist das Thema Barrierefreiheit?

Die Frage beantworte ich gerne mit einer Gegenfrage: Für wen ist Barrierefreiheit unwichtig? In der langen Arbeit mit dem Thema Behinderung und Barrierefreiheit habe ich immer wieder gesehen, dass der Abbau von Barrieren noch niemandem geschadet hat. Niemand, egal, ob mit oder ohne Behinderung, steht vor dem Aufzug eines zehnstöckigen Gebäudes und sagt: "Das ist ja doof, ich will lieber Treppen laufen!" Aber in der Planung wurde der Aufzug mit Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung beworben, dabei wird dieser von allen genutzt. Für mich ist das ein klassisches Beispiel dafür, dass eine barrierefreie Umwelt jedem zugutekommt.

Erzählen Sie uns doch etwas über das Wheelramp-Projekt.

Unser Wheelramp-Projekt ist nur eine kleine Antwort auf die Frage: "Warum komme ich als Rollstuhlfahrer in einen Laden nicht rein, der nur ein oder zwei Stufen am Eingang hat?" Meistens ist die Antwort sehr einfach: Die Ladenbesitzer wussten nicht, dass die Stufen ein Problem sein können, weil sich ja noch nie ein Mensch mit Mobilitätseinschränkungen bei ihnen beschwert hat. Wie auch, wenn man nicht reinkommt? Deswegen bieten wir auf www.wheelramp.de mobile Rampen für Ladenbesitzer, auch Friseure, an, mit denen ca. 25 cm Höhe überwunden werden können. Die Rampen sind leicht und zusammenklappbar, damit sie nur bei Bedarf angelegt werden müssen und das auch jeder Mitarbeiter machen kann. Dazu ist sie mit einem Preis von 179,- € nicht teuer und für den Laden eine schnelle und unkomplizierte Verbesserung, um Kunden mit Rollstuhl empfangn zu können.

Was kann man sich unter der Wheelmap vorstellen?

wheelmap.org ist eine Onlinekarte zum Suchen und Finden rollstuhlgerechter Orte. Sie funktioniert nach dem Mitmach-Prinzip: Jeder kann öffentliche Orte markieren, ob sie für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zugänglich sind oder nicht. Das funktioniert nach einem einfachen Ampelsystem: Grün bedeutet, dass man problemlos ohne Stufen oder Treppen in den Laden kommt. Gelb, dass man nur über eine kleine Stufe oder eine mobile Rampe in den Laden kommt oder man fremde Hilfe braucht und rot bedeutet leider, dass man keine Möglichkeit hat, in die Lokalität zu kommen, weil Barrieren wie Treppen oder zu hohe Stufen den Eingang versperren. Die Karte ist weltweit verfügbar, und wir haben schon mehr als 850.000 markierte Orte über den ganzen Globus verteilt. Also: Wir freuen uns auch, wenn jeder Friseursalon mal auf wheelmap.org schaut und guckt, wie ein Salon markiert ist oder ihn ggf. selbst markiert.

Was ist Ihre Vision?

Meine Vision besteht darin, dass es die Wheelmap und viele weitere unserer Projekte irgendwann nicht mehr geben muss, weil die sozialen Probleme, wie mangelnder Zugang oder exklusive Gesellschaften nicht mehr vorhanden sind. Das ist aber leider noch ein weiter Weg. Wir machen daher noch weiter!

Ist Ihr Friseursalon barrierefrei?

Ja, mein Friseursalon ist für mich zugänglich. Barrierefrei ist immer ein großes Wort, weil ich beispielsweise nicht weiß, ob sich Menschen mit Sehbehinderungen darin zurechtfinden oder die Friseure die Gebärdensprache beherrschen, wenn man gehörlose Kunden kommen. Auch das sind alles Aspekte von Barrierefreiheit, die wir beachten sollten. Barrierefreiheit ist das große Ziel, auf das wir in kleinen Schritten hinarbeiten können. Und der rollstuhlgerechte Zugang ist eine Maßnahme.

Was erhoffen Sie sich von der Partnerschaft mit dem ZV?

Erstmal freue ich mich sehr über das Interesse des ZV und hoffe, dass wir gemeinsam auf das Problem der Zugänglichkeit hinweisen können. In einem zweiten Schritt würde ich mich auch sehr freuen, wenn Friseursalons von uns eine mobile Rampe kaufen, sofern sie ein bis zwei Stufen am Eingang haben. Denn nicht nur für Rollstuhlfahrer ist das ein Vorteil, sondern auch für Familien mit Kinderwagen, Rollatornutzer oder den Postboten mit der neuen Shampoo-Lieferung!

 

Raul Krauthausen

Berliner. Autor. Moderator. Medienmacher. Aktivist.

- geboren in Peru

- ausgebildeter Telefonseelsorger, studierter Kommunikationswirt und Design-Thinker

- hat mit seinem Cousin Jan im Jahr 2004 die Sozialhelden, einen gemeinnützigen Verein, gegründet

- wurde 2013 mit dem Bundesverdienstkreiz am Bande ausgezeichnet

- veröffentlichte 2014 seine Biographie 'Dachdecker wollte ich eh nicht werden – Das Leben aus der Rollstuhlperspektive'

- seit 2015 moderiert er mit 'Krauthausen – face to face' seine eigene Talksendung zu den Themen Kultur und Inklusion auf Sport1

- Mitglied der 16. Bundesversammlung 2017

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